Kritik oder Spielbetrachtung!

Ich kann mich noch gut daran erinnern: Die Veröffentlichung einer Spielbetrachtung anlässlich der Theatertage in Hamburg wurde als eine herbe Kritik aufgenommen und führte zu einem Aufstand bei einigen Mitgliedsbühnen im Verband. Selbst der häufig zitierte Spruch: "Das ist ja nur die Meinung eines Einzelnen!" konnte die Wogen nicht glätten. Immerhin stand die Ansicht eines Einzelnen in unserer Zeitschrift für jeden zur Ansicht.

Bei den Profis geschieht die Herausgabe einer Kritik immer am Anfang der laufenden Spielzeit, was den künftigen Zuschauer schon bei der eigenen Meinungsbildung ermutigen könnte, sich selbst ein Bild von der Inszenierung zu machen. In unserem Bereich hingegen, bis auf eine Ausnahme, besteht kaum eine Chance, sich später eine eigene Ansicht zu verschaffen. Also bleibt eine Kritik, ob gut oder schlecht, im Raume stehen.

Daraus ergibt sich meiner Ansicht nach schon im Vorwege ein Urteil über einige Bühnen im Verband, die nach Ansicht einiger eine "Klasseneinteilung" verursachen.

Auch sei die Frage erlaubt: Sind wir als Amateure in der Lage, eine sachliche und journalistisch gut aufbereitete Kritik zu veröffentlichen? Oder sollten wir doch eher eine Spielbetrachtung erwägen, die Mut machen soll, etwas zu ändern oder zu verbessern? Gehören Sprachfehler, unpassende Bewegungen oder andere private Probleme in eine Kritik? Vergessen wir nicht, dass auch berühmte Bühnen- und Filmdarsteller mit derartigen Hindernissen behaftet waren oder sind, und kaum einer hat sich daran gestört. Der Text einer Spielbetrachtung kann auch zwischen den Zeilen etwas vermerken, dem wohl nur den Insidern und Kennern der Szene etwas sagen.

... und noch etwas sollte es auch in Zukunft für alle Spielbetrachter und Schreiber nicht geben, nämlich das Motto: "Wie du mir, so ich dir"

Uwe Ehlebracht
 


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