Anmerkungen zu "Hinter den Kulissen", Bühne 505.
Von Jürgen Rissmann.
Dieses Thema kommt so sicher wie Weihnachten, diesmal von dir, Uwe, unserem künstlerischen Leiter, und es ist sicher gut gemeint und garantiert gibt es dafür einen Anlass und ich habe lange überlegt, ob man es nicht unkommentiert lassen sollte…Allein, ich konnte es nicht. Nicht böse sein, Uwe.
Es sind da ein paar Sätze gefallen wie: "Sind wir als Amateure in der Lage, eine sachliche und journalistisch gut aufbereitete Kritik zu veröffentlichen?" Was ist denn überhaupt eine journalistisch gut aufbereitete Kritik? Ein Blick in das Evangelium aller professionell Theaterschaffenden, der Zeitschrift Theater Heute, zeigt uns, dass 2/3 aller dort erscheinenden Kritiken ziemlich vernichtend, manchmal humoristisch, sehr oft einfach bösartig sind und das auch bei Stücken, die enorme Zuschauerzahlen erreichen. Wenn dort also Schauspieler quasi vernichtet werden für ihre Stückleistung, ist das journalistisch gut aufbereitet, weil der Schreiber dafür viele tausend Euro erhält und kein Amateur ist?
Oder die 2. Frage: "... gehören Sprachfehler, unpassende Bewegungen oder andere private Probleme in eine Kritik?" Wer gerade die auf "hohem" Niveau geführte Diskussion zwischen Daniel Kehlmann einerseits und Jürgen Flimm und vielen anderen andererseits im Spiegel, der FAZ und anderen Publikationen zur Kritik am Regietheater allgemein verfolgt hat, müsste danach diese Frage mit "Ja" beantworten, denn diese Größen des Profigeschäfts tun es.
Langer Rede, kurzer Sinn: Ich finde es toll, dass in letzter Zeit sich vor allem zwei junge Damen bereit gefunden haben, Kritiken zu schreiben. Das belebt Die Bühne ungemein und nimmt keineswegs eine "Klasseneinteilung" vor. Und gerade, dass sie auch erklären, was ihnen nicht gefallen hat, macht eine positive Kritik doch auch wirklich nett. Wenn ich wüsste, dass nur positive Kritiken geschrieben werden, sind sie nichts wert, weder für mich als Leser der Bühne noch als kritisierter Schauspieler.
Ansonsten können wir es wie ein anderer Landesverband machen: Da schicken die Bühnen Kritiken ein, die sie bekommen haben und natürlich schickt niemand eine schlechte, wirklich spannend. Natürlich kann ich als Leser das Stück mir meistens nicht mehr ansehen, wenn die Kritik erscheint, aber sie macht neugierig auf das nächste Stück - Motto: sind die wirklich so gut oder so schlecht? Und ich erfahre über viele Stücke etwas, wo ich gar nicht die Zeit hätte, sie mir alle anzusehen.
Und die Auswirkungen auf den Publikumsbesuch? Ohne unseren inzwischen wirklich guten Bühnen zu nahe zu treten, wer außer uns Mitgliedern (und manchmal nicht mal die) liest die Bühne denn schon? Wir nehmen Eintritt für unsere Stücke, machen öffentliche Werbung und wollen gerade nicht nur für Verwandte und Bekannte spielen, da müssen wir Kritik, ob berechtigt oder unberechtigt, einfach aushalten. Oder wie Gründgens einmal sagte:
"Lieber eine schlechte als gar keine Kritik, sonst bin ich am Ende schon tot und habe es selbst noch nicht mitgekriegt".
Nichts für ungut, Uwe. Lediglich deinem letzten Satz kann ich voll zustimmen: "Wie du mir, so ich dir" ist ein Motto, dass jede Kritik ad absurdum führt. Und eigentlich auch fast das Einzige.
Jürgen