Das Tagebuch der Anne Frank

Hans Sachs Bühne, gesehen von Jürgen Rißmann

Wer will so etwas sehen?

Diese Frage haben sich bestimmt nicht wenige gestellt, als bekannt wurde, dass die Hans Sachs Bühne Das Tagebuch der Anne Frank spielte.
Ich weiß auch nicht, wer so etwas sehen will... ich habe es gesehen und mir tut jeder leid, der es nicht gesehen hat. Das, was zu sehen war, war ganz großes Theater, vor dem man nur den Hut ziehen kann, sowohl vor dem Mut als auch der Umsetzung.

Das Bühnenbild, sicher nicht einfach zu gestalten, war einfach grandios. Auf vier Ebenen entstanden Zugang zum Haus, Hinterhaus mit den zwei Räumen der Familien Frank und van Pels (genial, diese hintereinander höhenversetzt anzuordnen) sowie Dachboden- Auch das Regal, das den Zugang kaschierte, war ein echtes und natürlich realistisch voll beweglich. Dazu noch zwei Türen für das Klo und das Zimmer von Peter. Ein Riesenkompliment an die Bühnenbaucr Wolfgang Fritz, Dieter Peitzner und Reiner Höfer. Und dann die Ausstattung und Kostüme: Auch wenn vielleicht nicht alles aus den 40-er Jahren kam, die Sachen sahen komplett so aus, als würden sie es. Hier zeigte sich ganz große Liebe zum Detail vom Volksempfänger über die Schuhe bis zu den Möbeln.

Aber das Wichtigste: Die Darsteller schafften es, Angst und Freude, Beklemmung und Kleingeisterei ohne jedes Pathos, ohne Anklage, ohne falsch verstandene Rücksichtnahme rückhaltlos auf das Publikum zu übertragen. Sie wurden einem Tagebuch absolut gerecht. Denn genau darum geht es, um das Tagebuch eines jungen Mädchens, dass, obwohl von den Geschichtsereignissen verfolgt und sich deswegen verstecken muss, nicht entmutigen lässt, leben will, die erste Liebe erlebt, Streit mit der Mutter hat, also um ganz normale Dinge. Und diese wie Hunderttausende andere auch ihrem Tagebuch anvertraut.

In diesem Tagebuch steht nicht viel über den Krieg und weil die Hans Sachs Bühne es schafft, das genauso auf die Bühne zu bringen, ist am Ende, wenn der Vater als einzig Überlebender zurückkehrt und mit ruhiger Stimme vom Tod der anderen berichtet, der Saal totenstill, und zumindest bei mir das Entsetzen über den Ausgang, obwohl logischerweise allgemein bekannt, so heftig, dass, ich weiß auch nicht woher, Tränen sich ihren Weg bahnen. Gerade weil die Darsteller einfach nur agieren, ohne anzuklagen, ohne zu vordergründig zu leiden, keine falschen Emotionen zeigen, schaffen sie es, gewaltige Emotionen auszulösen, denn zumindest ich glaube, so hätte es damals tatsächlich sein können.

Viele altgediente Darsteller, mit vielen jungen Gesichtern gemischt, sah man auf der Bühne- Anja Holm und Gerald Milinovic gaben das Ehepaar Frank beherzt, voll Sorgen, und auch gerade sie voll Angst und doch immer so reserviert, um den Kindern die Situation nicht noch zu erschweren. Die Sorge um ihre Kinder wirkte sehr realistisch. Christina Roock als Frau van Pels, hin und her gerissen zwischen ihrer Sorge um die Situation und ihren heißgeliebten Pelzmantel, gelingt der Drahtseilakt, dass das Festhalten an .diesem. Mantel nie klischeehaft wirkt und ihre Trauer, als er schließlich doch verkauft werden muss für Lebensmittel, die tiefe Zerrissenheit dieser Person zeigte. Lars Heitmann als ihr Mann schaffte es glaubhaft, dem etwas sentimental armen Charakter Leben einzuhauchen und auch deutlich zu der Rolle des Herrn Frank abzusetzen. Patrick Rogalski gab dem egoistischen Herrn Pfeffer Leben und gerade sein Mienenspiel verriet immer wieder sein Unverständnis gegenüber dem seiner Ansicht nach zu lautem Kind Anne.

Sabrina Willmann als Giep brachte, wie im Tagebuch geschrieben, immer wieder das Leben in die Lethargie der Versteckten und der gezeigte Optimismus war selten gut gespielt. Daniela Carvalho und Oliver Grabolle fielen die etwas undankbareren Rollen der Schwester von Anne bzw. des weiten Helfers zu. Aber es sprach gerade für diese Aufführung, dass auch die kleinen Rollen perfekt besetzt waren und auch und gerade diese absolut stimmig in das Gesamtgeschehen passten. Wobei Oliver den Kurzauftritt als Gestapo-Mann nutzte, um die Beklemmung real werden zu lassen. Diese Inszenierung zeichnete sich gerade dadurch aus, dass alle komplett stimmig in ihren Rollen agierten, und, gerade das stumme Spiel auf dieser Riescnbühne war es, dass das Ganze so realistisch machte. Meistens agierten irgendwo immer nur zwei oder drei Darsteller, aber alle anderen gingen in dieser Zeit stumm einer Beschäftigung nach, ohne auch nur einmal aus ihren Rollen zu brechen. Gerade das ist die hohe Kunst des Schauspiels.

Aber trotz dieser wirklich gelungenen Leistung des Ensembles muss man zwei Darsteller aus dem Ganzen herausheben, die beide zumindest nach meinem Wissen ihr Debüt in einer großen, abendfüllenden Hauptrolle gaben: Sina Milinovic als Anne Frank und Lukas Jantzen als ihr Freund Peter. Woher dieses 15-jährige Mädchen die Kraft und die Artikulation genommen hat, um so eine Rolle nicht nur zu spielen, sondern zu leben, ist die Überraschung des Stückes. Wer das Tagebuch gelesen und Sina hat spielen sehen, kommt nicht umhin zu sagen, die Figur der Anne wurde verdammt lebendig. Dazu Lukas, der die undankbare Aufgabe für einen (sechzehnjährigen?) Jungen hatte, den etwas verklemmten Freund, der Mädchen eigentlich blöd findet, zu spielen und der es grandios hinbekommt, die Unbeholfenheit von Jungen in diesem Alter zwischen Rebell und Muttersöhnchen, auf die Bühne zubringen. Die Liebesszene der beiden, die erste große Liebe, der erste KUSS, von diesen Jugendlichen auf dem Dachboden so überzeugend, so unverkrampft, so glaubhaft gespielt, als hätten sie nie etwas anderes getan - das war ganz großes. Theater. Und dass diese beiden den Mut dazu hatten, dieses vor Hunderten von Leuten, Freunden und Klassenkameraden zu tun, war einfach umwerfend.

Ich habe lange nicht mehr ein Stück gesehen, dass mich auch hinterher noch in meinen Gedanken so beschäftigt.

Vielleicht ein kleiner Nachsatz:
Ich sah das Stück um 11 Uhr vormittags mit ca. 15 Erwachsenen und 300 Schülern, von denen die meisten sicher nicht ganz freiwillig da waren. Trotzdem wurde zugehört und am Ende des Stückes wurde es totenstill und nicht das Geringste war zu hören, als die Beklemmung ihren Höhepunkt erreichte. Allein dieser Moment sagt, glaube ich, mehr aus über diese schauspielerische Leistung, als es jede Kritik kann!

Und noch ein kleiner Nachsatz:
Wie anno Domini bei Mann up'n Hoff vom NAT bleibt die Feststellung; Mehr Mut, wir Amateure, zu solchen Stücken!

Jürgen Rißmann 


Seitenanfang